Mirror Twinning – Was Spiegelzwillinge so besonders macht
- Twinsetter

- 8. Sept. 2020
- 6 Min. Lesezeit

Wer den Begriff „Spiegelzwilling“ oder „Mirrow Twinning“ das erste Mal hört, verbindet damit womöglich die seltenere Zwillingsform der Eineiigkeit. Zwillinge, die sich zum Verwechseln ähnlich sehen und sich sozusagen selbst jeden Tag im „Spiegel“ sehen.
Das ist aber nur die halbe Wahrheit, wenn es um „Spiegelzwillinge“ geht. In Wahrheit steckt hier noch ein viel markanteres Merkmal dahinter, was die Faszination von Spiegelzwillingen ausmacht. Im Internet kursieren hierzu leider viele unterschiedliche Theorien und Informationen. Daher ist es uns ein Anliegen Dir die wichtigsten Facts über diese besondere Form der Zwillinge zusammen zu tragen und in diesem Beitrag zu erklären.
Erfahre hier alles über Entstehung, Merkmale und weitere Fakten rund um „Spiegelzwillinge“.
Aus dem deutschen Ärzteblatt geht hervor, dass der renommierte australische Arzt Dr. David A. Hay, von der La Trobe University in Melbourne, eine Langzeituntersuchung angelegt hat unter dem Namen „La Trobe Twin Study“.
Im Laufe von etwa 10 Jahren hat er mit seinen Mitarbeitern insgesamt 1930 Kinder aus 645 Familien, davon 587 Zwillingspaare und 11 Drillingspaare, sowie — zur Kontrolle — ihre einzelgeborenen Geschwister und die Kinder der Verwandten untersucht.
Es gibt bisher keinen Test, um Spiegelzwillinge zu diagnostizieren.
Was genau hat Dr. Hay untersucht? Ihm sei aufgefallen, dass es eineiige Zwillinge gab, die sich sehr ähnlich sahen und andere wiederum nicht, trotz ihrer genetischen Gleichheit. Wodurch wird dies beeinflusst? Und wie kann man Spiegelpartnerschaft diagnostizieren?
DNA Analysen bestätigen in der Regel nur die monozygote (eineiige) Entwicklung. Um wirklich eine Spiegelpartnerschaft zu diagnostizieren, müssen weitere Merkmale herangezogen werden.
Hormonbehandlungen steigern die Geburtenrate von Zwillingen
Die Ergebnisse der australischen Studie sind sehr spannend und zudem immer mehr gefragt, denn die Geburtenrate von Zwillingen steigt von Jahr zu Jahr. Interessant dabei ist, dass der Anstieg der generellen Geburtenrate nicht nur durch die Erhöhung der Geburten von zweieiigen Zwillingen erreicht wurde, sondern auch durch eine Erhöhung der Geburten von eineiigen Zwillingen. Der rasante Anstieg von zweieiigen Zwillingen lässt sich heutzutage bekanntlich auf die Faktoren der Hormonbehandlungen und auf das steigende Alter der Mutter zurückführen. Die Erhöhung der eineiigen Geburtenrate wiederum ist auch durch die Folge von Hormonbehandlungen zurückzuführen.

Es ist zu beobachten, dass eine Empfängnis kurz nach dem Absetzen der Pille oft an eine eineiige Zwillingsentwicklung gekoppelt ist.
In früheren Jahren war die Unterscheidung zwischen zweieiigen und eineiigen Zwillingen recht schwierig, denn äußere Merkmale (außer das unterschiedliche Geschlechtsmerkmal) genügen natürlich nicht. Die Annahmen: 1 Plazenta = eineiig 2 Plazenten = zweieiig ist überholt und stimmt einfach nicht.
Für die korrekte Antwort auf die Frage bedarf es speziellen Blutuntersuchungen und die Prüfung der Beschaffenheit der Plazenta sowie die Ausbildung ihrer Membrane nach der Teilung des befruchteten Eis. Grundsätzlich ist ja bekannt, dass die Feten, die ein Chorion teilen, als eineiiger Zwilling zu bestimmen sind. Getrennte Chorions geben allerdings keinen Hinweis, ob es sich hierbei um eineiige oder zweieiige Zwillinge handelt. Auch hierbei kann es sich also um eineiige Zwillinge drehen.
Eineiig bedeutet immer: Aus dem gleichen Sperma und Eizelle bilden sich also eineiige Zwillinge, die genetisch so gleich sind, dass die Ähnlichkeit eben verblüffend ist, unabhängig davon ob sie von der gleichen Plazenta versorgt werden oder nicht. Dies bedeutet aber nicht, dass jeder eineiige Zwilling ein Spiegelzwilling ist.
In unserem Blogbeitrag: Zwillingsformen: Wie aus einem Ei. sind wir hier etwas näher drauf eingegangen.
„Twin transfusion syndrom“ schuld an Entwicklungsunterschieden
Um die Eineiigkeit hierbei noch etwas genauer bestimmen zu können, muss man sich das Versorgungssystem durch die Plazenta betrachten. Bei der Zwillingsversorgung kann es ein sogenanntes „Twin transfusion syndrome“ geben. Dies bedeutet, dass ein Embryo durch die Plazenta der Mutter in Form einer „one-way circulation" versorgt wird und die restlichen Nährstoffe im Blut an den anderen Zwilling weiterleitet. Daraus resultieren oft gravierende Entwicklungsunterschiede in Größe, Gesundheit und Gewicht.
Ansonsten können gerade eineiige Zwillinge manchmal sehr viel unterschiedlicher sein als zweieiige Zwillinge oder Geschwister unterschiedlichen Alters. Wie aber ist das zu erklären?
Es gibt zwei Arten von eineiigen Zwillingen
Wer hätte das gedacht? Schauen wir uns das genauer an:
1. Teilt sich das befruchtete Ei bereits drei bis vier Tage nach der Empfängnis (was in etwa einem Drittel aller Fälle zutrifft) so wachsen die Embryonen in getrennten Plazenten heran.
2. Teilt sich das befruchtete Ei ab dem vierten bis zum achten Tage nach der Empfängnis teilen sie sich die gleiche Plazenta. Der erst aus wenigen Zellen bestehende Fetus trennt sich dabei in eine rechte und eine linke Hälfte. Und nun kommen wir zum spannenden Aspekt.
In 70 Prozent aller Fälle entwickeln sich die Embryos mit gleicher Plazenta spiegelbildlich weiter
Dies geschieht indem der eine die rechte, der andere Embryo die linke Hälfte nachbilden muss. Eine spätere Eiteilung hat also Auswirkung auf die Versorgung durch die Plazenta, was wiederum das Merkmal einer spiegelbildlichen Entwicklung sowohl im Aussehen (Gesicht, Gebiss weisen gleiche Merkmale spiegelbildlich auf), als auch bei der Untersuchung ihrer geistigen Fähigkeiten, mit sich bringen kann.
Spiegelzwillinge weisen daher die Eigenschaft auf, bestimmte Merkmale asymmetrisch angelegt zu haben, d.h. auf gegenüberliegenden Seiten.

Spiegelzwillinge sehen sich im Partner spiegelverkehrt.
Das können Muttermale, Haarwirbel, Grübchen, Sommersprossen, Augenformen, Augenbrauenformen, Ohrformen und sogar die Stellung und Form der Zähne sein. Selbst Gesten oder Bewegungen können spiegelverkehrt ausgeführt werden. Es entsteht der visuelle Effekt, dass die Zwillinge sich fühlen, als ob sie vor einem Spiegel stünden, wenn sie sich gegenüber stehen.
Allerdings möchte ich an der Stelle betonen, dass eineiige Zwillinge nicht unbedingt in jeder Hinsicht gleich sein müssen. Der Mensch wird nicht nur von seinen Genen beeinflusst. Auch Umwelteinflüsse bestimmen uns Individuen und haben Einfluss auf unser Aussehen und unser Verhalten. So können sich bei Spiegelzwillingen dennoch Unterscheide in gewissen Merkmalen ergeben.
Spiegelverkehrt in allem – schlafen, schreiben, sprechen
Sehr häufig wird in der Tat die spiegelverkehrte „Händigkeit“ bei Spiegelzwillingen beobachtet. Allerdings ist es mir hier auch wichtig zu betonen, dass die Händigkeit nicht unbedingt durch die Genetik bestimmt wird. Beginnt man nun Spiegelzwillinge in ihrer Asymmetrie zu beobachten, können weitere Indizien auffallen. Wie z.B. gegenüberliegende Lieblingsschlafpositionen oder die bekannte „Schokoladenseite“ beim Fotografieren.
Besonders interessant wird es beim Thema SPRACHE. Wir alle haben schon von der sogenannten „Zwillingssprache“ gehört. Zwillinge sind manchmal sprachverzögert, da sie untereinander mit einer eigenen Sprache kommunizieren. Dr. Hay aus Australien hat in seiner Studie belegen können, dass in einem Zwilling die linke, im anderen die rechte Hälfte des Gehirns die Sprache kontrolliert. Das lässt den interessanten Rückschluss zu, dass hier die jeweils ursprüngliche Gehirnhälfte — nicht die spiegelbildlich nachgebildete — diese wichtige Funktion übernommen hat. Und dies kann Auswirkungen auf die Sprachentwicklung untereinander haben.
Die sogenannte „Geheimsprache“ unter Zwillingen entsteht durch die besondere Geschwister-Konstellation. Viele Zwillinge verweilen etwas länger in der Babysprache als andere Kinder es tun oder sie entwickeln sogar eigene Wörter und Silben. Teilweise ist zu beobachten, dass die Sätze kürzer sind, da sie dem anderen Zwilling so schnell wie möglich ihre Botschaft übermitteln möchten. Einen Ausgleich bietet das Umfeld. Je mehr sie mit anderen Kindern sprechen müssen, je mehr sie in Sache Sprache durch Spiele und Co. gefördert werden, desto schneller lässt sich die „Zwillingssprache“ auflösen.
Spiegelzwillinge besonders häufig von einer Lese-Rechtschreib-Schwäche betroffen.
Und nun zum nächsten interessanten FACT: Dr. Hay hat herausgefunden, dass bei 92 Prozent aller männlichen Zwillingspaare später eine Form einer Lese-Rechtschreib-Schwäche entsteht und das bei sonst überdurchschnittlicher Intelligenz. Er begründete seine These nicht im Wortverständnis, sondern in der fehlenden Transferleistung die geschriebenen Wörter in ausgesprochene Wörter umwandeln zu können. Als Auslöser vermutete er die erschwerten Nachbildung der spiegelbildlichen Gehirnhälften während der Empryonalzeit. Die Gehirnhälfte, die die Links- oder Rechtshändigkeit, die Sprache und das Leseverständnis steuert scheint gelitten zu haben.
Generell ist aber bei Spiegelzwillingen zu beobachten, dass Fähigkeiten wie Logik, Analyse, oder Intuition und Kreativität unterschiedlich ausgeprägt sind, da eben die dominanter Gehirnhälfte spiegelverkehrt ist.
In einigen extremen Fällen (die außergewöhnlich selten sind) zeigen Spiegelzwillinge Situs inversus . In diesem Zustand befinden sich die inneren Organe (wie Herz, Leber, Lunge oder Magen) auf der gegenüberliegenden Seite der eigentlich normalen Position.
Fazit: Grundsätzlich ist es nicht einfach eineiige Zwillinge von Spiegelzwillingen zu unterscheiden.
Denn beiden sehen sich höchst ähnlich. Und bei 25 % aller Eineiigen treffen beide Begriffe zu. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein eineiiges Zwillingspaar auch als Spiegelzwilling eingeordnet werden kann, ist höher, wenn 2 Indizien dafür sprechen. Zum einen die äußeren, gespiegelten Merkmale (Haarwirbel, Muttermale, Grübchen, etc.) zum anderen die Plazentaversorgung im Mutterleib, was auf eine späte Eiteilung zurückzuführen ist.
Wenn das zutrifft, kann davon ausgegangen werden, dass die beiden Embryonen sich asymmetrisch oder verkehrt herum gemeinsam im Bauch entwickelt haben und somit Spiegelzwillinge sind.
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